• Christine Hefti

Pflegebedürftig

"Mein Mann ist seit Jahren krank, wurde schon verschiedentlich operiert. Er leidet zudem auch an Depressionen. Alles, was ihm die Ärzte oder ich empfehlen – Me­dikamente, Massagen und Sport – lehnt er ab. Ich versuche alles, um ihm zu helfen, denn ich bin von Beruf Hauspflegerin. Aber mein Mann schätzt das nicht, er sagt, ich sei eine lästige Fliege und soll ihn in Ruhe lassen. Ich weiss zwar, dass er leidet, aber ist das ein Grund, mich deswegen so unfreund­lich und einsilbig zu behandeln? Zärtlichkei­ten und Sex sind von seiner Seite her überhaupt kein Thema. Er dreht aber den Spiess um und erzählt dem Arzt, er habe eine böse Frau, die er nicht berühren dürfe. Er ist in letzter Zeit richtig böse geworden und beleidigt mich täglich. Eigentlich möchte ich mich scheiden lassen, aber eine Scheidung würde er gesundheitlich nicht durchstehen, da er meine Pflege braucht. Er kooperiert aber in keiner Weise. Ich habe auch schon überlegt, ihn extern pflegen zu lassen, aber ich habe auch Schuldgefühle. Ich gehe langsam ein wie eine Pflanze ohne Sonne und Wasser." Lillian, 62



Liebe Lillian Ich finde, Ihr Mann müsste mehr schätzen, was Sie für ihn tun. Das ist aber für ihn schwierig, denn Ihre Ehe ist zunehmend in ein Ungleichgewicht geraten: Indem Sie immer mehr in die Rolle der Helferin ge­raten sind und wissen, was für Ihren kran­ken Mann gut ist, wurde er zunehmend entwertet. Er wiederum konnte in der Op­ferrolle die Verantwortung für sein Leiden Ihnen zuschieben und sich mit bösen Sti­cheleien gegen die vermeintliche ‚Bevor­mundung’ zur Wehr setzen. Es ist auch möglich, dass Ihr Mann an einer Krankheit leidet und sich deshalb so verändert hat - zum Beispiel an Alzheimer. Eine ärztliche Abklärung steht daher an erster Stelle. Ihre Idee, sich Entlastung zu schaffen, finde ich deshalb gut: Indem Sie seine Betreuung teilweise anderen überlassen, tun Sie sich selbst, Ihrem Mann und Ihrer Ehe etwas Gutes. Sie geben sich die Chance, wieder mit Respekt zu begegnen. Und Sie haben mehr Luft, um 'Sonne' und ,Wasser' zu tanken, nämlich Beziehungen mit Freunden zu pflegen und sich etwas zu gönnen, das Ihnen Freude macht. Besprechen Sie die Idee doch gleich mit Ihrem Hausarzt und überlegen Sie mit ihm zusammen, welches die nächsten Schritte in Richtung Entlastung sein könnten.




©Text: Christine Hefti, Foto: Fotolia


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