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Interview zur Coronakrise

Interview mit Dr. Christine Hefti in der Limmattaler Zeitung vom 21. März 2020



Die Corona-Pandemie stürzt die Welt in eine Krise. Sie helfen Menschen in persönlichen Krisen. Wie kann ein jeder diese globale Misere für sich selbst bewältigen? Christine Hefti: Jeder geht mit der Corona-Krise so um, wie es seinem Charakter und seinem Lebensplan entspricht. Ängstliche oder pessimistische Personen sind eher geneigt, in Panik zu verfallen. Sie tätigen Hamsterkäufe und denken ständig an Horrorszenarien, während positiv gestimmte Menschen ruhiger bleiben und das Beste aus der Situation machen. Letztere sind generell besser davor geschützt, krank zu werden. Mit einer positiven Einstellung kann man also verhindern, dass man sich mit Covid-19 ansteckt? Christine Hefti: Eine positive Lebenseinstellung trägt neben anderen Faktoren zu einem guten Immunsystem bei, was die Abwehrkräfte stärkt. Damit kann das Virus besser bekämpft werden und die Krankheit bricht gar nicht erst aus oder zeigt nur milde Symptome.


Der Lockdown in der Schweiz hat zur Folge, dass viele Familien, Paare und WG-Bewohner zuhause mehr Zeit miteinander verbringen müssen als gewöhnlich. Was kann man tun, dass der nationale Notstand nicht auch zu einem Notstand für Beziehungen wird?

Christine Hefti: Die Notlage kann prekäre Situationen zuhause begünstigen, muss aber nicht. Die Krise kann auch Entschleunigung bedeuten, mehr Ruhe, mehr Zeit füreinander. Für die Organisation zuhause sind Abmachungen hilfreich, die in einer wohlwollenden Stimmung besprochen werden, bevor es eskaliert und man sich ständig anzickt.


Denken Sie also, dass es in dieser Situation zu mehr Konflikten oder gar öfters zu häuslicher Gewalt kommen könnte? Christine Hefti: Es kann sein, muss aber nicht. Im Gegenteil kann eine aktuelle Bedrohung von aussen auch dazu führen, dass man näher zusammenrückt. Man hat einen gemeinsamen unsichtbaren Feind. Eingeschränkte Freiheiten machen einiges einfacher. Wenn alles zu ist, gibt es auch keine Diskussionen darüber, ob und wie lange der Partner oder Jugendliche fortgehen soll. Aber der Mensch ist ein soziales Wesen. Abschottung und Isolation tun uns nicht gut. Das macht reizbar und traurig.


Social Distancing bedeutet Verzicht. Man muss vieles temporär loslassen: Freunde, Körperkontakt, Freizeitbeschäftigungen. Sehen Sie Chancen im Alleinsein?

Christine Hefti: Solange die Krise nicht zu existenziellen Ängsten führt, kann sie eine Chance zum Innehalten sein. Eine Krise sorgt aber auch immer für Verunsicherung: Niemand weiss, wie es weitergeht. Daher überwiegt eher der Stress als die Entspannung.

Die Pandemie löst bei vielen Ängste aus. Angst, dass man krank wird, dass geliebte Menschen sterben könnten, dass man seinen Job verliert. Wie soll man mit diesen Ängsten umgehen?

Christine Hefti: Wir sollten mit unseren Freunden über unsere Ängste sprechen und unsere Kontakte pflegen. Zum Glück sind wir heutzutage alle per Handy miteinander verbunden. Auch ist es wichtig, eine positive Einstellung zu bewahren und für Momente der Lebensfreude im Alltag zu sorgen. So sollte man zum Beispiel nur einmal am Tag Informationen zur aktuellen Lage konsumieren und seinen Geist mit anderen Dingen beschäftigen. Wir können uns zuhause weiterbilden, ein gutes Buch lesen, die Wohnung umstellen, Dinge tun, die wir schon lange einmal vorhatten...


Zudem darf man aktuell das Haus ja noch verlassen, um spazieren oder joggen zu gehen. Was hätte eine mögliche Ausgangssperre für Auswirkungen auf die Psyche der Bevölkerung? Christine Hefti: Das wäre eine Katastrophe. Denken Sie nur an Familien mit Kindern, die auf engem Raum zusammen eingesperrt wären, gerade jetzt, wo es wärmer wird und die Sonne scheint. Das führt nicht nur zu mehr Konflikten, sondern bestimmt auch zu mehr Stress und Depressionen.


Sie sind seit 30 Jahren Psychotherapeutin und treffen immer wieder auf Menschen, die sich in einer Krisensituation befinden. Ist es einfach, emotional Abstand zu halten? Christine Hefti: Während der Beratung lasse ich mich ganz auf die Menschen ein und fühle mit ihnen mit. Nach drei Jahrzehnten als Psychotherapeutin verfüge ich über so viel Erfahrung, dass mir eine professionelle Distanz keine Mühe bereitet. Auch hier gilt: Nicht immer an Probleme denken, sondern sich bewusst schöne Dinge und gute Gedanken ins Leben holen. Ich erhole mich durch die Bewegung in der Natur oder wenn ich mich mit Freunden treffe.

Welche Fälle fordern Sie besonders? Christine Hefti: Wenn Kinder oder Jugendliche von Gewalt betroffen sind, geht mir das immer nahe. Da muss man meist klare Massnahmen treffen. Aber ich arbeite lösungsorientiert und so sehe ich in jeder Situation eine Chance und in jedem Menschen Ressourcen. Das Ziel ist stets, die Klienten zu stärken. Es ist sehr erfüllend, Menschen helfen zu können.


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