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Verwöhnte Tochter des Partners

„Mein Freund und ich (beide 51) führten eine Weile eine Fernbeziehung, und alles war bestens. Seitdem wir in derselben Stadt wohnen, läuft es schief. Er lebt mit seiner 19-jährigen Tochter in einer Wohnung, ich in meiner eigenen. Wir sehen uns nur am Wochenende. Denn während der Woche will mein Freund abends für seine Tochter da sein! Sie steht absolut an erster Stelle. Papi kocht, putzt, kauft ein, macht die Wäsche. Er sagt, er wolle ihr das Leben zu Hause so angenehm wie möglich machen, da sie ja bald ausziehen werde, um zu studieren. Ich glaube eher, dass sie ihre bequeme Situation nicht so schnell aufgeben wird. Wenn wir uns doch mal unter der Woche verabreden, klärt er mit ihr vorher ab, „ob sie ihn an dem Abend braucht“. Das finde ich extrem übertrieben. Braucht mein Partner psychologische Hilfe?“ Julia, 51

Liebe Julia In der Zeit Ihrer Fernbeziehung drehte sich alles nur um Sie beide. Nun, wo Sie mit Ihren ‚Honeymoon‘-Erwartungen in die Nähe des Partners gezogen sind, holt Sie die Realität des Alltags brutal ein: Beim Partner stehen Sie nach Tochter und Job plötzlich an dritter Stelle. Das ist ein Schock. Klar brauchen Tochter und Vater Zeit zu zweit. Die unterwürfige Dienerei Ihres Partners finde ich jedoch auch übertrieben. Viele geschiedene Väter haben unbewusst Schuldgefühle ihren Kindern gegenüber und möchten wieder ‚etwas gutmachen’. Daher haben sie die Tendenz, das Kind zu stark zu verwöhnen. Sie könnten allenfalls versuchen, aus seiner Sicht zu argumentieren. Er ist ein guter Vater, auch wenn er nicht ständig physisch für die Tochter präsent ist! Sie ist ja kein kleines Kind mehr. Und bestimmt möchte er, dass sie lernt, selbständig zu kochen und zu waschen? Das gelingt, wenn er sie auch einmal selber machen lässt. Sie ahnen bereits richtig, dass das verwöhnte Töchterlein all diese Bequemlichkeiten während des Studiums kaum freiwillig aufgeben wird. An der Wohnsituation ist also in den nächsten Jahren keine Veränderung abzusehen. Was auch immer die Gründe für das Verhalten Ihres Partners sind – solange er kein Problem darin sieht, entfällt auch die Frage nach psychologischer Hilfe. Was Sie wollen, ist das eine. Wo Ihr Partner Prioritäten setzt, ist das andere. Eine Änderung erzwingen können Sie nicht. Im Gegenteil: Je mehr Druck Sie machen, desto eher werden Sie zum Stressfaktor für Ihren Partner. Am besten, Sie teilen Ihrem Partner mit, dass Sie sich nun etwas zurückziehen und überlegen, ob sie das Leben so mit ihm weiterführen wollen.


© Text: Christine Hefti, Foto: Wix

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