• Christine Hefti

Konvertieren

"Unsere Tochter Leonie, 19 Jahre alt, ist mit Unterbrüchen seit zwei Jahren mit einem türkischen Jungen zusammen. Mein Mann hatte von Anfang an Vorbehalte, ich akzeptierte diese Beziehung, obwohl wir ihn nie zu Gesicht bekamen. Damals war unsere familiäre Situation sehr schwierig, weil unser jüngster Sohn schwer erkrankte und wir für ihn da sein mussten. Ich habe unserer Tochter gegenüber ein schlechtes Gewissen deswegen und weiss auch, dass sie damals zu kurz gekommen ist. 2016 fiel uns auf, dass Leonie fastete. Es war Ramadan, und unsere Tochter erklärte ihr Fasten damit, dass ihr der Islam näherstehe als das Christentum. Wir waren schockiert. Mein Mann sprach kaum mehr mit unserer Tochter. Nun gestand sie mir neulich, dass sie sich überlege, zum Islam zu konvertieren, da er für sie ein Ideal darstelle. Sie findet, dass die christlichen Jugendlichen eh nur 'rumsaufen'. Wir selber sind praktizierende Christen. So versuche ich, ihr auch die Vorzüge des Christentums aufzuzeigen. Sie hat aber alle ihre alten christlichen Freunde verloren und ist total fixiert auf die Kultur ihres Freundes, den wir nach wie vor nicht kennen." Irmgard, 52

Liebe Irmgard Ihre Tochter sucht sich nicht nur einen Freund aus einem anderen Kulturkreis, sondern identifziert sich gleich noch mit dessen Religion. Damit rebelliert sie gegen die Meinung der Eltern. Dass junge Leute dezidiert einen ganz anderen Weg als die Eltern gehen wollen, ist zwar nichts Aussergewöhnliches, deutet aber meist auf ein Gefühl des subjektiven Unverstandenseins hin. Machen die Eltern Druck, verstärkt sich die Trotzreaktion: Wenn Ihr Mann nicht mehr mit Ihrer Tochter spricht oder Sie die Überzeugungsschiene «Das-Christentum-ist-doch-viel-besser» fahren, wendet sich die Tochter noch mehr von Ihnen ab. Und den jungen Mann bekommen Sie erst recht nicht zu Gesicht. Wie wäre es, sich auf den Standpunkt zu stellen, dass es keine «einzig richtige» Religion gibt und verschiedene Kulturen ihre Daseinsberechtigung haben, solange sie friedlich sind? Dass Sie für Ihre Tochter aus familiären Gründen vor zwei Jahren wenig Zeit hatten, können Sie nun nicht mehr ändern. Jetzt haben Sie aber viel in der Hand, um das Herz Ihrer Tochter zu gewinnen! Machtkämpfe löst man am besten auf, indem man das emotionale Thema entschärft. Laden Sie den jungen Mann doch einmal ein, und lernen Sie ihn kennen. Lassen Sie sich von den jungen Leuten erklären, was ihnen am Islam denn so gefällt. So gewinnen Sie nicht nur das Vertrauen Ihrer Tochter, sondern können auch überprüfen, ob allenfalls extremistisches Gedankengut im Spiel ist. Wenn dies ausgeschlossen werden kann, vermeiden Sie am besten Diskussionen darüber, ob man besser in einer Moschee oder Kirche beten soll. Wenn sich die Tochter von Ihnen ernst genommen fühlt, besteht am ehesten die Chance, dass sie sich mit der Zeit selbst von dieser Idee distanzieren kann.


©Text und Bild: Christine Hefti


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